Evangelische Franziskaner-Tertiaren
 
 
 
 


Wir beten Dich an,
Heiliger Herr Jesus Christus,
Hier und in allen Deinen Kirchen
Der ganzen Welt
Und preisen Dich,
Weil Du durch Dein heiliges Kreuz
Die Welt erlöst hast.

(Franz von Assisi)

 

Evangelische Franziskaner? Gibt es das? Ja, das gibt es, und zwar schon seit 1927 im Rahmen der evangelischen Landeskirchen.

In der Tat wird es für viele katholische und evangelische Christen in unserem Land neu sein, dass es auch auf evangelischem Boden Menschen gibt, die nach der Ordensregel des Franz von Assisi zu leben versuchen, Menschen, die sich zum sogenannten Drittorden (Tertiaren) zählen.

Der lange Bestand unserer Geschwisterschaft ist Anlass und Grund zurückzublicken und für Gottes gnädige Führung zu danken, aber auch den Blick nach vorn zu richten und nach dem weiteren Weg und seinen Aufgaben im neuen Jahrtausend zu fragen.

Wir fragen immer wieder neue nach unserem Weg, um zur Entfaltung kommen zu lassen, was als Artikel 1 in unserer Regel steht: "Die Evangelische Franziskanerbruderschaft der Nachfolge Christi sucht gemäß dem Beispiel des Armen von Assisi und der heiligen Elisabeth, der ersten deutschen Franziskaner-Tertiarin, mitten im modernen Leben die Nachfolge Christi zu verwirklichen. Ihr Ideal ist das des heiligen Franziskus: zu leben nach dem Vorbild des heiligen Evangeliums.

 

Was beeindruckt uns bei Franz von Assisi?

Franz von Assisi (1182-1226) war der Sohn eines reichen Tuchhändlers. In seiner Jugend führte er ein Leben, dass allen Vergnügungen zugewandt war, aber auch den Menschen. Mit etwa 20 Jahren kam es zu einem Umbruch in seinem Denken, er fragte nach dem Willen Gottes in seinem Leben. Im Jahre 1206 betete er in einer kleinen Kirche in San Damiano: "Gib mir, HErr, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen Auftrag erfülle." Und er hörte die Antwort im Anruf Gottes: "Geh hin und stelle mein Haus wieder her, das , wie du siehst, ganz verfallen ist!" - Das war die Stunde seiner Berufung. - Er verstand den Auftrag zunächst ganz im wörtlichen Sinne und ging daran, die kleine Kirche zu restaurieren. Er änderte seinen bisherigen Lebensstil radikal und verzichtete auf das väterliche Erbe. Zwei jahre später, beim Lesen des Evangeliums von der Aussendung der Jünger ohne Besitz, wurde ihm sein eigener Auftrag deutlich. Nach kurzer Zeit schlossen sich ihm die ersten Gefährten an, die mit ihm in radikaler Armut durch das Land zogen, um so die Nachfolge Christi zu leben. Dies schloss auch die liebende Zuwendung zu allen Geschöpfen ein. Sie fand ihren Ausdruck u.a. in dem "Sonnengesang" und in dem mehrfach vertonten Gebet: "O HErr, mache mich zum Werkzeug Deines Friedens!" Dies alles jedoch kam aus seinem Hauptanliegen, die frohe Botschaft von Jesus CHristus aller Welt bekannt zu machen. So war sein Weg ganz und gar der Weg der Nachfolge Christi. In die Gemeinschaft mit ihm immer tiefer hineinzuwachsen, war die eigentliche Mitte und Ausrichtung seines Lebens und Dienstes. Im Jahre 1224 empfing er am Berge Laverna die Stigmatisierung, die Wundmale Christi. Durch die heilige Klara wurden auch Frauen in diese Bewegung hineingezogen. Der zweite, weibliche Zweig des Ordens wurde gegründet, später dann sogar auch noch der dritte Orden (Tertiaren), ein Laienorden für die Menschen, die in ihrem Beruf und ihrer Familie nach ihren Möglichkeiten der Ordensregel gemäß leben wollen.

 

Wie denken wir uns eine franziskanische Lebensführung?

Für Franziskus war die Entscheidung zu einem Leben in Armut eine wichtige Voraussetzung dafür, frei zu sein für seinen Dienst - eine Entscheidung von nicht geringerer Bindung und Tiefe als die bezüglich der Ehe. Er nannte in der Tat die Armut seine Herrin und seine Braut. Aber was bedeutet das für uns heute? Das Leben in einem der reichsten Länder der Erde ohne Hunger und Mangel und das Leben in Verantwortung für eine Familie lässt das Reden von Besitzlosigkeit leicht zu einem Lippenbekenntnis werden. Es geht unserer Ansicht nach heute um:

  • den Geist der einfachen Lebensführung,
  • die innere Freiheit gegenüber dem Habenmüssen,
  • das Offensein für die Zeichen der Zeit,
  • das Teilenkönnen - auch von Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten,
  • das Freisein von Neid.

Die Liebe zur Kirche erwuchs für Franziskus gegenüber dem äußeren und inneren Verfall der Kirche seiner Zeit. Wohl gibt es in unserem Land viele zweckentfremdete, reparaturbedürftige oder zum Museum degradierte Gotteshäuser, aber noch mehr wenig besuchte Gottesdienste. In einer säkularisierten Gesellschaft geht es den Tertiaren um:

  • regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst und an der Feier des heiligen Abendmahls,
  • verbindliches geistliches Leben im Alltag,
  • regelmäßige, geordnete Zeiten für Schriftlesung und Gebet,
  • freudigen Einsatz seiner Gaben im leben der Ortsgemeinde,
  • Zeithaben für die Schwestern und Brüder im Glauben.

Neben diesen Seiten der franziskanischen Spiritualität ist das ökumenische Anliegen ein wichtiger Grundgedanke unserer Gemeinschaft. Wir beten und mühen uns um die einheit aller christlichen Kirchen im Glauben und in der Liebe, auf dass sich das hohepriesterliche Gebet des Herrn erfülle: "dass sie alle eins seien." (Joh. 17,21)

Die Liebe zu den Geschöpfen bewog Franziskus zum freudigen Lobpreis Gottes, aber auch zur Sorge für Kranke, Aussätzige und alle Kreatur. Wie aktuell ist heute:

  • die Liebe zu allem Geschöpflichen in unserer von Krieg und Umweltzerstörung bedrohten Welt,
  • die Solidarität mit Menschen in jeglicher Not,
  • die Verfügbarkeit für den Dienst am Menschen,
  • die Beachtung und das Für-voll-Nehmen der Armen und Leidenden,
  • die Schlichtung von Unfrieden in der nächsten Umgebung.

Diese drei Hauptgedanken sind es, die uns heute in der Nachfolge Christi bewegen.

Wie entstanden die Evangelischen Franziskaner Tertiaren?

Den Anstoß zu einer franziskanischen Bewegung innerhalb der evangelischen Landeskirchen gab der französische Hugenottenpastor und spätere Kirchenhistoriker Paul Sabbatier (+1928) durch sein Franziskusbuch (1893), das eine sehr starke Verbreitung fand. Eine erste Frucht dieser Bewegung war die Gründung eines nach franziskanischem Muster geschaffenen Laien-Tertiaren-Ordens in der Hugenottenkirche Frankreichs.

Ihr Gründer war der Pariser Theologieprofessor und Pastor Wilfried Monod, der am Schluß einer Rede auf der Stockholmer Weltkirchenkonferenz 1925 folgenden Wunsch aussprach: "Möge der Geist des heiligen Franziskus immer wieder auferstehen und sich überall in der Christenheit Sendboten eines neuen Laien-Tertiaren-Ordens erwecken, Prediger eines sittlichen, sozialen und geistlichen Evangeliums, das allein fähig ist, das furchtbare Gespenst einer Weltkatastrophe zu banne."

Unter den Zuhörern befand sich auch der Marburger Theologe Friedrich Heiler, der von diesen Ausführungen tief ergriffen war. So machte Heiler 1925 in Magdeburg den Vorschlag zur Gründung eines evangelischen Franziskanertertiarenordens. Dabei sagte er u.a.: "Was wir sogleich verwirklichen können, das ist ein Tertiarenorden im Geist des heiligen Franz. Sollten wir nicht dasselbe zuwegebringen, was ein französischer Hugenotte, Wilfried Monod, ins Leben gerufen hat? .. Wir Hochkirchlichen sollten Monods großes Ordensprogramm übernehmen und in noch engerem Anschluss an die Regel des heiligen Franz und seine kirchliche Frömmigkeit weiterführen."

1927 wurde die "Evangelische Franziskanerbruderschaft der Nachfolge Christi" (Evangelische Franziskaner-Tertiaren = EFT) gegründet.

Wie sieht es gegenwärtig bei uns aus?

Zahlenmäßig ist unsere Gemeinschaft nicht groß. Wir wohnen weit verstreut in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich. Doch wir alle sind verbunden in der Gemeinschaft des Glaubens und des führbittenden Gebets.

Zum besseren Kennenlernen und Verstehen werden jeweils zwei Schwestern oder zwei Brüder für eine Zeitlang zwecks Korrespondenz zu Weggefährten bestimmt. Mehrmals im Jahr erscheint ein Geschwisterbrief. Soweit möglich, kommen wir zu kleineren regionalen Treffen, zu Tagungen und Einkehrtagen zusammen, regelmäßig mit der Hochkirchlichen St.-Johannes-Bruderschaft, der auch viele Franziskaner-Tertiaren angehören, aber auch zu Begegnungen mit der Franziskanischen Gemeinschaft der römisch katholischen Kirche.

Zu unseren Treffen kommen auch immer wieder Gäste, und wir freuen uns über jede und jeden, der unsere Gemeinschaft persönlich kennenlernen möchte. Sie alle sind herzlich eingeladen!

Und wenn man verbindlich zu dieser Gemeinschaft gehören möchte? Das ist möglich für jeden getauften Christen. Nach einer mindestens ein-, in der Regel zweijährigen Probezeit (Noviziat) kann nach der Entscheidung durch den Konvent der Tertiaren die volle Aufnahme erfolgen.

Die Evangelischen Franziskaner-Tertiaren haben das alte franziskanische Zeichen übernommen, die gekreuzten Arme mit den Wundmalen Christi (Stigmata) an den Handflächen, die sich an ein von einem Strahlenkranz umleuchtetes kreuz lehnen. Über dem Kreuz sind die alten franziskanischen Grußworte eingeprägt: PAX ET BONUM (Friede und Heil)

Am unteren Rand des Zeichens deuten die Anfangsbuchstaben E.F.T. an, dass die Träger dieses Zeichens dem evangelischen Zweig der großen Franziskanerfamilie angehören.

Die Evangelische "Franziskanerbruderschaft der Nachfolge Christi" wurde im Jahr 1927 gegründet. Die nachstehende Regel stammt von dem am 28.04.1967 verstorbenen Gründer, Professor D. Dr. Friedrich Heiler, D. D., Marburg-München. Nach seinem Heimgang übernahm die Leitung der Bruderschaft Rektor Pfarrer Rudolf Irmler, und nun hat die Leitung Pfr. Martin Bürgener.